All Eyez On…Kobito (Interview)

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Ein bisschen Punk, ein bisschen Pop, ein bisschen Rap: Das ist Kobito aus Berlin. Kurz vor  Veröffentlichung seiner neuen Single „Fangen Spielen“ sprach ich mit ihm über Zeckenrap, seine Ausnahmeposition im HipHop-Zirkus und seinen Wechsel zum Label Audiolith.

Punkpoprap: Hallo Kobito, alles gut bei dir?

Kobito: ja, ich habe es mir hier vor meinem Kamin gemütlich gemacht, mein Bärenfell noch mal gesäubert und den Kognak angewärmt.

Du hast am Wochenende die Single „Fangen Spielen“ als 7“ raus gebracht. Wie fühlt sich das an?

Ganz gut! Dadurch dass das vorher bereits im Internet rumgegeistert ist, konnte ich schon mal ein erstes Feedback einfahren. Deshalb freue ich mich einfach über das erste Release über Audiolith. Das ist glaube ich das Besondere daran.

Kobito – Fangen Spielen – CoverKannst du kurz deinen musikalischen Werdegang zusammenfassen?

Ich bin als Kind von Mama in den Kinderchor gesteckt worden. Das war so mein erster Kontakt mit der Musik. Dann habe ich einige Jahre Klavierunterricht gehabt und exakt alles wieder vergessen, bis auf „Greensleeves“. Das kann ich zu jeder Zeit und zu jedem Pegel spielen. Ansonsten kann ich noch nicht einmal mehr Noten lesen. Dann mit 12, 13 habe ich angefangen, mich für Rapmusik zu interessieren und wurde so mit 16 auf eine Freestylecypher mitgeschleppt. Ich wollte eigentlich nur kucken, aber dann wurde mir gesagt, wenn ich nicht mitmache, brauche ich mich nie wieder blicken lassen. Also habe ich mitgemacht und herausgefunden, dass mir das Spaß macht und ich gerne besser werden möchte. Und dann ging alles mit kleinen und größeren Schritten los.

Deine Musik bewegt sich textlich und musikalisch fernab vom Rap-Durchschnitt. Fühlst du dich trotzdem der HipHop-Szene zugehörig?

Auf jeden Fall. Man muss sich ja auch vorstellen, dass ich nicht immer gewusst habe, was ich machen will. Früher habe ich ganz viel sehr schlechte Graffitis gemacht. Dann habe ich gebeatboxet, mit Freunden in Parks gefreestylet und bin ständig auf Jams gerannt. Nur Breakdance und DJaying habe ich nie gemacht. Aber diese Umgebung in der ich mich jetzt bewege, nennen wir sie mal Zeckenrap, habe ich dann erst später gefunden. Bis dahin habe ich auch ganz viel quatschige Musik gehört. Selbst habe ich nie inhaltlich besonders beschissene Musik gemacht, aber auf jeden Fall mit Musik angefangen, die sehr viel mehr szenebezogen war. So Rap über Rap eben.

Was bedeutet Zeckenrap?

Das hat sich über das Ticktickboom-Kollektiv positioniert. Einfach weil uns aus verschiedensten Ecken immer wieder gesagt wird, dass das was wir machen Zeckenrap sei. Aber auch wenn das von gewissen Leuten immer ein bisschen belächelt wird, ist das Label Zeckenrap oft ein riesiger Vorteil. Wir werden ja auch deshalb gebucht und können auf ganz tolle Strukturen zurückgreifen. Grundsätzlich war die Idee, sich das Label offensiv zu nehmen und es selbstbewusst zu füllen. Und das mit dem Bewusststein, dass wir Musik mit anderen Inhalten machen, als das vielleicht „normal“ ist. Und das ist eben kein Zufall und kein Nachteil, sondern genau so gedacht.

Ist man dann eigentlich dazu verdammt, nur in Autonomen Jugendzentren zu spielen und sozusagen im eigenen Saft zu schmoren?

(überlegt) Das glaube ich nicht. Ich denke, dass da ein großer Wandel in der HipHop-Szene stattgefunden hat. Die Leute haben Lust, sich mit anderen Themen auseinanderzusetzen. Aber klar, bisher fühlt es sich schon noch so an, als wären unsere Themen für den Mainstream nicht so zugänglich. Wir vertreten ein paar Sachen, mit denen man eben nicht in die Charts kommt. Aber das ist auch nicht unsere Idee. Inzwischen spielen wir eine gute Mischung zwischen Autonomen Jugendzentren und anderen Locations. Jetzt gerade kommen zum Beispiel viele Uni-Festivals dazu, was ich sehr interessant finde. Aber ich glaube grundsätzlich, dass Musik, wenn sie handwerklich, textlich und inhaltlich gut gemacht ist, auch von anderen Leuten bemerkt wird und dann kann das auch noch ein bisschen wachsen.

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Das passt ja auch gut zu Audiolith…

Ja, auf jeden Fall. Deshalb bin ich auch sehr glücklich über die Verbindung. Das ist eben kein Raplabel und kein ausschließliches Politlabel. Aber es hat eine ziemlich große Anhängerschaft von Leuten, die einfach aufmerksam sind, was aus der Ecke kommt.

Was verändert sich für dich mit dem Wechsel zu Audiolith?

Zum Beispiel so was, wie das wir hier gerade sprechen und ich erzählen kann, was ich mir so gerade denke. Und das finde ich total gut und wichtig. Weil da ja viel dahinter steckt und manche Sachen oftmals untergehen. Weißt du, man bringt eine CD raus und ein Großteil der Leute kriegt es überhaupt nicht mit. Ich gehe davon aus, dass das Feedback egal ob gut oder schlecht in jedem Fall intensiver werden wird. Außerdem mag ich die Leute da einfach. Das sind lustige Vögel und ich bin sehr gespannt.

Fragt sich nur, ob es auch gut für die Gesundheit ist auf Audiolith zu sein…

Das glaube ich auch. Ich werde natürlich künftig sehr gut auf meine Gesundheit achten, aber ich habe ja den großen Vorteil, dass ich in Berlin wohne und die sind ja alle in Hamburg am feiern. Da geh ich dann nur am Wochenende mal vorbei.

Siehst du dich innerhalb der linksalternativen Szene einem Rechtfertigungs- und Diskussionszwang ausgesetzt, wenn bei dir nicht jeder Song politisch ist?

Nicht so wirklich. Da ist die Szene toleranter als ihr Ruf. Ich mache das ja schon immer so und habe noch nie ausschließlichen Parolen-Linksrap gemacht. Es war schon immer eine Mischung zwischen politischen und persönlichen Themen. Klar passiert es manchmal, dass jemand einen Song gerne politischer hätte. In Bezug auf das letzte Album stimmt das sogar. Das ist mir persönlich auch zu wenig politisch und zu wenig kantig geworden. Aber das sind die Schritte, die man gehen muss, um daraus zu lernen.

Man findet dich nicht nur in HipHop-Medien sondern z.B. auch im Ox-Fanzine. Siehst du dich da als Botschafter für die HipHop-Kultur?

Also mich als Botschafter zu bezeichnen, wäre vermessen. Aber wir hören natürlich ganz oft den Spruch: „Eigentlich höre ich ja keinen Rap, aber das ist ja schon ziemlich cool“. Rap ist einfach mein Medium, aber ich bin kein Kämpfer für die Rap-Kultur. Dafür finde ich die Szene auch viel zu schwierig und komme selber oft genug nicht damit klar, was sich da für Leute tummeln. Aber es ist natürlich immer schön, wenn man das Gefühl hat, dass die eigenen Inhalte ankommen – auch über Genregrenzen hinweg.

Auf dem Song „Ohne Worte“ findet sich die Hook von Egotronics „Rannte der Sonne hinterher“. Kam das über Audiolith zustande?

Nee, also wir haben uns schon mal vor zwei Jahren getroffen, als „Augen zu“ von Deine Elstern raus kam. Und seitdem haben wir uns immer mal wieder gesehen. Ich hatte für diesen Song nur sehr wenig Zeit und habe überlegt, so eine Art Coverversion zu machen. Und bei Feine Sahne Fischfilet (Komplett im Arsch Remix feat. Kobito, Anm. d. Red.) hat es mir total viel Spaß gemacht, so etwas zu benutzen und zu den vorhandenen Textzeilen seinen eigenen Zugang zu finden. „Rannte der Sonne hinterher“ hatte ich zu dieser Zeit sowieso gerade viel gehört. Und dann musste ich einfach nur bei Torsun anrufen und hatte am Abend noch die Spuren. Also insofern hat Audiolith dann wahrscheinlich schon geholfen.

 

Bei dem FSF-Ding singst du im Refrain, aber auch in der Strophe. Willst du in Zukunft weiter in diese Richtung gehen?

Auf dem neuen Album, das im November erscheinen soll, wird es auf jeden Fall eine Mischung zwischen sehr technischen Rapstrophen und Gesangssachen geben. Das ist mir total wichtig. Nicht so, wie beim letzten Album. Wenn ich mir das jetzt anhöre, denke ich mir, das ist schon cool, aber in manche Strophen hätte man mehr Finesse reinpacken können.

Spielt Competition beim Texten für dich eine Rolle?

Ich glaube jeder, der auf die Frage mit Nein antwortet und gleichzeitig Platten raus bringt, muss eigentlich lügen. Natürlich will man, dass die eigenen Sachen auch bestehen können. Gerade wenn man so wie ich auch viel Rap hört, gibt es vieles das einen beeinflusst, und bei dem man sagt, woah das ist aber gut gemacht oder toll geschrieben. Und beim nächsten Song an dem ich sitze, will ich dann etwas machen, das ich genauso beeindruckend finde. Allerdings habe ich da keinen direkten Competitiongedanken oder will besser sein als der oder die. Aber auf jeden Fall möchte ich besser sein, als ich das letzte Mal war.

Mich überrascht, dass du viel Rap hörst. Ich hätte gedacht, dass du mehr von elektronischer Musik beeinflusst bist.

Das ist nach wie vor zweigeteilt. Wenn ich weggehe, dann meistens zu elektronischer Musik. Aber bei mir zu hause oder auf dem Handy ist das einfach nicht mein Soundtrack für den Tag. Natürlich höre ich ganz viel aus unserem eigenen Ticktickboom-Umfeld. Beim Joggen höre ich viel Pyro One. Seine Mond Miniatur EP begleitet mich nach wie vor total. Mit Sookee bin ich sowieso viel unterwegs, das höre ich also auch regelmäßig und gerne. Ansonsten läuft viel amerikanischer Rap und jetzt im Moment ganz viel französischer, obwohl ich kein Wort verstehe. Ich höre zur Zeit viel Booba und mir wurde neulich gesagt, dass der wohl ein ganz mieser Typ ist. So etwas wie der französische Bushido. Ich bin da einfach ganz unbefangen herangegangen. Aber an Booba beeindrucken mich nicht die Attitüde, nicht der Typ, nicht die Inhalte, sondern einfach nur die Energie der Worte, die Sprachgewalt. Ich mache mich auch angreifbar, indem ich dir das erzähle, aber ich kann die einzelnen Elemente, also Beat, Sprache und Text ein bisschen trennen. Was nicht bedeutet, dass ich mir z.B. Kollegah reinziehe und sage, „man hat der tolle Doubletimes, das ziehe ich mir jetzt voll rein.“

Also ist irgendwo die Grenze?

Auf jeden Fall! Wenn da nur sexistischer Quatsch erzählt wird, zieh ich mir das nicht rein. Wobei ich zu so einem Gangster–Ding auch noch eine ganz andere Einstellung habe. Ich denke, wenn das jemand ist, dessen Lebensrealität das zu irgendeinem Zeitpunkt war, bin ich nicht derjenige, der beurteilen sollte, ob das richtig oder schlecht ist. Aber gerade weil ich mir aus verschiedenen Dimensionen verschiedene Einflüsse ziehe, hört sich meine Musik vielleicht auch manchmal so an. Ein bisschen gemischt eben.

Dadurch lässt sich deine Musik oft nicht so leicht in ein Genre einordnen. Warum brauchen Leute Genres?

Vielleicht weil es dann leichter ist, sich dazu zu bekennen. So wie du mich gerade gefragt hast, was ich denn für Musik höre. Und dann könnte man sagen, „ich höre gerne Partyschlager“ und jeder wüsste was gemeint ist.

Kannst du drei Songs nennen, die dich künstlerisch geprägt haben?

Darüber hab ich letztens erst nachgedacht und mir auch eine Liste gemacht (sucht). Also da nenne ich dir Nick Cave „Lay Me Low“. Ein wahnsinnig guter Song, der mich auf dem letzten Album dazu inspiriert hat „Ende“ zu machen. Außerdem The Streets „Blinded by the lights“, weil ich ihn in seiner Situationsbeschreibung ungeschlagen finde. Auch ohne das Video sieht man einfach wie der Typ abstürzt. Und dann natürlich noch Bill Withers „Lean on me“. Das ist auch ein sehr guter Song, der mich zu einem Track auf dem neuen Album inspiriert hat, der „Lass dich fallen“ heißen wird.

Gibt es für das neue Album bereits einen Titel?

Nein, blöderweise nicht, eigentlich muss ich mir langsam mal einen Titel suchen, aber irgendwie fühlt es sich noch nicht so an, als wäre der schon da. Aber ich gebe mir Mühe

Wie suchst du Albumtitel?

Also eigentlich sind sie ja allen anderen außer einem selber immer egal. Ich erinnere mich immer an die Schlagzeilen-Sachen. Das hieß „Der Komplex“ und „Berliner Melange“. Das sagt eigentlich überhaupt nichts aus. Und dann muss man irgendwie versuchen, mit dem Album den Namen zu füllen. Das gleiche gilt auch für Bandnamen. „Zu Eklektisch“, wie mein letztes Album, würde ich es jetzt auch nicht noch mal nennen. Ich glaube wenn ich einen schönen Titel finden würde, der mein Gefühl für das Album zusammenfasst, dann ist es mir auch egal, ob das verstanden wird oder nicht. Aber es muss sich für mich richtig und rund anfühlen, dann wäre es ein guter Titel.

Ist eigentlich ein Deine-Elstern-Album geplant?

Jetzt machen wir erst mal dieses Album fertig. Und das ist noch eine menge Arbeit. Aber Sookee und ich sind natürlich nach wie vor sehr gute Freunde, Freundinnen, oder wie sagt man dann? Die EP ist ja jetzt auch schon zweieinhalb Jahre her. Wir treffen uns immer wieder und sind dann ganz euphorisch und sagen „komm wir machen jetzt ein neues Elstern-Album“ und dann wird darauf reingehauen und vor allem angestoßen. Natürlich kommt dann immer etwas anderes dazwischen. Aber ganz klar, wir wollen das machen. Wir warten noch auf den richtigen Zeitpunkt und vielleicht ist es auch nicht schlecht wenn ich davor noch mal ein Album mache, was eine andere Aufmerksamkeit findet als das letzte. Und dann können wir uns noch mal entspannt an einen Tisch setzten.

Interview: Tim Geyer

Alle Fotos: Kobito/Audiolith

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Wenn Tim nicht gerade hier ist, schreibt er für ein großes Hasen-Magazin, das natürlich hauptsächlich wegen der tollen Texte gelesen wird.